Portland-Cementwerk Mainz Weisenau im Laufe der Zeit

Werksansicht vor dem ersten Weltkrieg 1914. Links oben Weisenauer Gaswerk, In der Mitte der mit 10 Schornsteinen ausgestattete, damals neu erichtete Drehofen.

Werksansicht vor dem ersten Weltkrieg 1914. Links oben Weisenauer Gaswerk, In der Mitte der mit 10 Schornsteinen ausgestattete, damals neu erichtete Drehofen.

Christian Lothary (1814-1868) war ein Self-Made-Man. Mit 24 Jahren gründete er sein eigenes Bauunternehmen. 1847 ergatterte er einen Großauftrag: Die hessische Ludwigsbahn vergab den Bau der Bahnstrecke Mainz-Worms. Für den Bereich bei Weisenau wurde Lothary zuständig. Um den Bedarf an Baumaterialien etwas decken zu können, nahm der Bauunternehmer zwei Kalköfen auf dem angrenzenden Gelände in Betrieb. Damit begann des industrielle Kalkabbau auf dem Gelände der „Alten Portland“ in Weisenau – wie das ehemalige Abbaugebiet unter den Mainzern heißt.

Mit den Kalköfen entstanden auch Wohnunterkünfte für die Arbeiter und ein Büro. Um den Bauschutt abfahren zu können, kaufte Lothary das Gelände rund um den späteren Güterbahnhof Weisenau (vor der Weisenauer Autobahnbrücke über den Rhein). Es entstand ein hochwassergeschütztes Industriegelände. Noch heute stehen hier Industrieanlagen. Doch die ursprünglichen Pläne Lotharys, mit Hochöfen und Walzwerk Stahl herzustellen, mussten aufgegeben werden: Das in der Region vorhandene Erz erwies sich trotz großer Hoffnungen als nicht förderwürdig. Stattdessen baute er aus dem Kalk und den umliegenden Lehmböden als Rohstoffe zunächst eine Ziegelfabrik auf.

Portland-Zement erobert Markt

Mitte der1840er Jahre war aus Großbritannien mit dem Portland-Zement ein in Festigkeit bei zugleich schnellerer Trocknung überlegender Zement auf dem Markt gekommen. Der Name ist der englischen Kanalhalbinsel Portland entlehnt, genauer den dortigen Kalksteinen. Naturgemäß stößt das auch bei Lothary auf Interesse – als Bauunternehmer. Für die Portland-Zementherstellung waren besonders hohe Temperaturen beim Kalkbrennen und entsprechendes chemisches Prozesswissen  für die Herstellung nötig. Zum Durchbruch der neuen Produktionsweise trug in Mainz maßgeblich Carl Brentano (1833-1898) bei. Nachdem sein ehemaliger Arbeitgeber Wilhelm Gustav Dyckerhoff (Firmensitz heute im Wiesbadener Stadtteil Mainz-Amöneburg) in Ungnade gefallen, einigten sich Lothary und Brentano auf die Zusammenarbeit.

Am 22. Juli 1864 beantragte schließlich Lothary bei der Bürgermeisterei Weisenau die Portland-Cement-Fabrik. Zwei Schachöfen von zwei Meter Durchmesser und mit etwa sieben Meter Höhe entstanden – im ersten Jahr wurde dann vor allem experimentiert. Der Zement nutzte die folgenden Lothary vor allem im eigenen Baubetrieb. Am 8. Dezember 1868 starb Christian Lothary überraschend nach kurzer, schwerer Krankheit.

Lotharys verkaufen Unternehmen

Das Firmenerbe führte seine Frau Catharina Rosina Lothary zusammen mit seinen damals zwanzigjährigen Sohn Christian fort. Mit 5.100t im Jahr 1875 betrug die Zementproduktion etwa ein Viertel der Produktion von Dyckerhoffs-Werk. Knapp 200 Mitarbeiter hatte das Unternehmen 1881 erfolgte die Umstrukturierung als Kommanditgesellschaft. Brentano stieg dabei aus dem Unternehmen aus – ohne Gründe zu kennen. Doch die Konkurrenz führte zum Preiszerfall bei Zement. Sechs Jahre später entschieden sich Lotharys Erben zum Verkauf – an die Mannheimer Portland-Cementfabrik. Der Investitionsstau schien hoch zu sein: Die Betriebseinrichtung sei in einem „durchaus verkommenen, nicht mehr betriebsfähigen“ Zustand, notiert ein Aufsichtsratsprotokoll der Mannheimer im Dezember 1887. Dennoch erhielten die Erben 800.000 Mark für den Betrieb samt beweglichen Betriebsvermögen. Schließlich fusionierten 1901 die Mannheimer mit den Heidelbergern. Damals versandten die Mainzer knapp 56 Tonnen Zement im Jahr.

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Bilder zur Verfügung gestellt durch: HeidelbergCement AG. Abdruck in: Dietmar Cramer, Die Geschichte des Zementwerkes Mainz-Weisenau (hrsg. v. HeidelbergCement AG). Heidelberg 2014.


Erst 2008 endete formal die Zeit des Kalkabbaus unter der Regie der Heidelberger. Die fünf Jahre zuvor nach langen Protesten in der Öffentlichkeit erteilte weitere Abbaugenehmigung gab HeidelbergCement in jenem Jahr zurück an die Stadt Mainz. Die Bevölkerung wollte die Belastungen nicht mehr mittragen und hatte bereits über Jahrzehnte Protest artikuliert. Von 1995 bis 2009 engagierte sich beispielsweise der „Verein für die Erhaltung der Laubenheimer Höhe“ – letztlich mit Erfolg.

In der Landschaft hat der Abbau dennoch Spuren hinterlassen. Sichtbar an der A60: Die Autobahn läuft mittlerweile über ein Art Damm innerhalb des ehemaligen Abbaugeländes – untertunnelt von der Durchfahrten zwecks Kalkabbau. Früher war die Autobahn noch leicht sogar eingefräst in die Kalkfelsen. Viele der Flächen, wie gerade rechts der Autobahn, werden derzeit noch renaturiert. Die anderen können bereits als Naherholungsgebiet besichtigt werden. Ein letztes Wahrzeichen der Zementfabrikation, der Wärmetauscher, wurde im November 2009 gesprengt. Mit dem Blick per google-maps auf das Werksgelände erkennt man noch den Stand vor November 2009 – samt mittlerweile gesprengten Wärmetauscher.

Amateuraufnahme zur Sprengung des Wärmetauschers

Sprengung des Wärmetauscher im November 2009.

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